V E R A

Die Strassenbahn war fast leer. Es war ein Spaetsommerabend am Samstag. Im Zentrum Moskaus, in der „Alten Stadt“, blieben nur diejenigen, die keine Moeglichkeit hatten, ins Gruene zu fahren.

Viele Leute bummelten durch die Gruenanlagen des Boulevardrings innerhalb der uralten Ringstrassenbahnlinie „A“, im Staub der nicht mehr saftig gruenen Alleen seltener Baeume, welche nur wenig Frische ins Leben brachten.

Die junge blonde Dame im hellen Kostuem sass alleine am Fenster auf der vorletzten Bank und sah ohne Interesse auf die ihr schon von Kindheit an bekannten alten, schmutzigen, schon lange nicht mehr renovierten Haeuser, welche entweder grau oder dunkelgelb waren, also nicht mehr in den Originalfarben der Zeiten, als sie noch ihren Hausbesitzern gehoerten, die sie liebevoll in Barock, Klassik oder Jugendstil erbauen liessen.

Alles gehoerte schon unheimlich lange, laenger als ein Menschenleben dauern kann, „allen“, das heisst konkret eigentlich niemandem, ausser der frisch zerfallenen Staatsmacht der Kommunisten. Diese ‚ewige Kommune’ brachte mit sich nur ein bitteres Gefuehl von Verlogenheit und Hoffnungslosigkeit.

An der letzten Haltestelle sprang die junge Frau aus der Strassenbahn und ging den Gruenanlagen entlang zurueck zu einem 6-stoeckigen grauen Eckhaus mit imposanter Fassade aus Granitstein, am Eingang sicher bewacht von zwei gefluegelten nackten Gipsgenien.

In diesem Haus hatte die junge Frau von ihrer Geburt an bis zur Heirat gewohnt.

Jetzt lebte dort nur noch ihre Großmutter in einem kleinen Zimmer – früher ‚Dienstmaedchenstube“ genannt – einer Kommunalwohnung, in der sie sich mit 20 Mitbewohnern ein Klo, eine Badewanne und eine Kueche teilen musste.

Die alte „Ba“ war schon lange sehr krank und etwas verwirrt.

„Vera, Verotschka, bist Du es, meine Kleine?“, fragte sanft eine angenehme Stimme aus der Dunkelheit des Zimmers mit den hohen zugezogenen Samtvorhaengen.

Die leise Stimme klang von der rechten Wandecke her.

Dort stand eine verschlissene Couch in der vergessenen, doch bis heute noch wunderschoenen Lotusform der oesterreichischen Sezession.

Darauf lag ein kleiner kaum sichtbarer Koerper.

„Ja, Babuschka“, antwortete sanft die junge Frau, die eigentlich Lisa hiess.

Vera war ihre schon vor drei Jahren verstorbene Mutter, die einzige Tochter der alten Frau.

Grossmutter machte das Licht einer altmodischen Stehlampe ueber dem Nachttisch an und setzte sich in den Kissen auf.

„Was hast Du heute zum Abendessen mitgebracht? Ich moechte schon seit langem frische Bisquites. Schade, dass Du nicht backen kannst – so wie ich selbst.“

Lisa hatte gekochte Kartoffeln und Gemuesesuppe mitgebracht. Bisquites hatte sie selbst nur als Kind einmal in einem alten Spielfilm gesehen.

– „Ba, wir trinken dann noch Tee mit Apfelkuchen, gut?“

„Na, gut so. Und danach wirst Du mir ein Weilchen vorlesen. Der Fernseher ist schon wieder kaputt, ueberhaupt kein Ton mehr, er zeigt nur Streifen oder irgendwelche idiotischen Blasen anstatt normaler Gesichter“.

„Gut, Oma, jetzt bitte noch ein Loeffelchen. Dein Fernseher ist doch in Ordnung.“

„Das sagst Du! In Ordnung. Ich sehe hier ueberall keine Ordnung mehr, nein, nein und nochmals nein!“ – Der kleine Loeffel zitterte in der Hand der alten Frau.

Die Tassen, Untertassen und Kuchenteller der Grossmutter waren aus wunderschoenem Porzellan mit dem Zarenwappen auf der Unterseite, oft aber mit kleinen Rissen und manchmal auch mit beschaedigtem Rand.

Lisa war nachdenklich, die Grossmutter bemerkte es jedoch nicht.

– „Heute hatte ich Besuch. Ein junger Mann kam zu mir und fragte, ob Vera hier wohnt. Ich sagte ihm, Du kommst gegen Abend. Er wird uns wohl nochmals besuchen. Dann frag ihn bitte, Verotschka, ob er Serge heisst.

Dir, Vera, ist ja bekannt: wir mit Deinem Vater hatten unsere Flitterwochen im Oktober 1917 in Paris verbracht. Dort, im Hotel Imperial, welches ganz besonders schoen fuer frischverheiratete Ehepaare war, haben wir beim Fruehstueck eine junge Familie mit ihrem neugeborenen Sohn kennengelernt. Das Baby hiess Serge.

Er muesste dann jetzt etwa zehn Jahre aelter sein als Du, Vera.

Die Eltern des kleinen Serge waren Russen, doch damals, nach dem Umsturz der Zarenmacht, blieb diese Familie in Frankreich.

Wir konnten es nicht. Nach unseren unvergesslichen Flitterwochen fuhren wir sofort zurueck nach Russland. Dort, in Sankt Petersburg, war mein Gatte, dein Vater, Mitglied des Kommitees der russischen Offiziere. Er war spaeter in der Weissen Armee… “

“Ja, ja, meine Liebe, ich weiss.“-
Lisa hoerte diese Geschichte nicht zum ersten Mal.

Das Schicksaal ihres Grossvaters war tragisch und nicht typisch. Er war Anfang
20-er erst in Gefangenschaft bei den Roten – und wurde nicht erschossen.

Sein Schulkamerad war der rote Kommandeur, er hatte ihn damals als „ eine sehr nuetzliche, hochausgebildete Kriegstaktikkraft“ vor den Rotarmisten geschildert und dadurch gerettet. Der Grossvater wurde freigelassen und fuhr zu seiner Frau nach Moskau, wo sie immer eine eigene Familienwohnung hatte. Doch diese Moskauer Wohnung gehoerte schon laengst nicht mehr der Familie der Ehefrau, sondern der Sowjetmacht. Deswegen wohnten dort noch zehn ganz fremde Leute, welche man Proletariat nannte.

Dazu noch durfte Lisas Opa nach seiner Befreiung nicht mehr in der Hauptstadt der „jungen Sowjetrepublik“ – Moskau – wohnen oder arbeiten.

Und dann hatten sie mit Ba die Stadt des Grossen Peter zum Wohnort ausgewaehlt. Dort unterrichtete Lisas Grossvater „Theorie der Kriegskunst“ an der Militaerakademie.

In Moskau starb „der Genosse Lenin“, zwar im Januar 1924. Deswegen hat man die zweite russische Hauptstadt Sankt Petersburg sofort umbenannt in Leningrad – Stadt von Lenin.

(Die Stadt trug diesen Namen bis Anfang 90-er, doch viele Russen nannten sie damals immer kurz und buendig „Piter“. Im Jahre 1992 wurde Leningrad zu Sankt Petersburg wiederbenannt.)

In Leningrad kam Ende 1927 die kleine Tochter Vera zur Welt. Und die Familie war gluecklich.

Als Vera 7 Jahre alt war, wurde ihr Vater verhaftet wegen Verdacht der Verschwoerung gegen die Sowjetmacht. Und Veras Vater starb im Gefaengnis nach einem Herzinfarkt.

Wenige Tage nach seinem Tod kamen die Genossen „Tovaristschi’s“ zu seiner Frau und Tochter mit einem offiziellen Papier: der Tote war unschuldig, und seine Famile durfte wieder in Moskau leben, in der verlassenen Wohnung, in einem kleinen Zimmer, zu zweit: Mutter mit Tochter Vera.

Die beiden siedelten sofort nach Moskau um. Dort stand ihnen noch bevor, einen schrecklichen Weltkrieg zu ueberleben.

Anfang 50-er hat Vera einen jungen Mann geheiratet, und danach wurde die kleine Tochter Lisa geboren

Einmal, als Lisa noch ein kleines Maedchen war, sagten Nachbarn in der Kueche, dass „die alte Wirtin“ so stark regimefern sei, dass sie zur Hochzeit ihrer Tochter Vera sogar Besuch aus dem Ausland erhalten hatte. Ein schoener junger Franzoese kam dienstlich nach Moskau und war oft zu Gast bei den beiden Frauen.

Doch wer ist dieser unbekannte „junge Mann“ von heute?

Lisa wurde unruhig. Wer koennte es sein, wenn er glaubt, dass die Mutter noch lebt und hier, in ihrem alten Moskauer Haus, wohnt?

Lisas Vater war auch Offizier gewesen, jedoch in der Sowjetarmee. Er war Militaerbau-Ingenieur, und nach Ironie des Schicksals stammte er aus Leningrad, oder – einfacher – aus Piter.

Er starb aber frueh an Lungenentzuendung beim Tag – und Nachtbau einer Betonbruecke, welche im Sumpf von Leningrad unter grossem Zeitdruck „zum Tag der Novemberrevolution“ errichtet wurde.

Lisa war damals noch sehr klein und wohnte hier in Moskau bei der Grossmutter.

Ihre Mutter Vera kam sehr selten zu Besuch, „zu Gast“, meinte Oma.

Sogar nach dem Tode ihres Ehemanns blieb Vera alleine in Leningrad.

Die sehr schoene Vera war fuer ihre kleine Tochter wie eine Maerchenfee.

Wenn Mutter Vera in Moskau war, sass sie oft gerne vor dem grossen Pfeilerspiegel (Oma nannte ihn Trumeau) und puderte sich aus einer alten silbernen Puderdose von Ba. Daneben auf einem massiven Marmoraschenbecher lag die Zigarette, in deren Rauch Vera mit ihren dunklen Locken und im Chiffonkleid mit feinen Seidenblumenstraeusschen am Saum wie eine junge Zarin wirkte.

„Mama, Du Liebe“, dachte Lisa jetzt, „wo bist du mit deiner Schoenheit, mit deinem Laecheln, mit deinem zarten sorglosen Wesen in unserem Gefaengnisleben?“

Vera starb ploetzlich und unerwartet an Diabeteskoma, das nach Vermutung der Aerzte daher ruehrte, dass sie in ihrer Jugend sehr viel hungern musste. Niemand wusste, dass Vera so krank war. Sie war immer lustig und sprach ihr Leben lang nie ueber ihr eigenes Leiden.

„Voegelchen“, sagte die Grossmutter oft zu sich selbst, „ueberliess die Kleine der Grossmutter und flog davon!“

Lisa mochte es nicht, wenn die alte Frau allen Nachbarn von dem „armen vaterlosen Kind“, einer Waisen – obwohl die Mutter noch lebte – erzaehlte.

Ba besuchte die Mutter jedes Jahr in Leningrad und nahm Lisa mit.

Lisa dachte, in dieser Stadt von klassischer Schoenheit ist es sehr schwer zu leben. Dazu regnet es doch zu oft. Das Schoenste an Leningrad war nicht der Winterpalast mit der Eremitage, sondern die Ostsee mit dem kleinen Schloesschen „Mon Plaisir“ des Grossen Peters am Strand.

Moskau liebte Lisa mit dem Herzen, wie ihr Eigentum.

Leningrad dagegen bewunderte sie, aber nur mit dem Verstand.

In Leningrad wohnte die Mutter nicht mehr alleine in ihrer kleinen Einzimmer-
wohnung.

Es gab dort bereits einen fremden Mann, Boris. Das Unangenehmste war jedoch sein Sohn, der mit dem Vater zusammenblieb, da man seine Mutter „eine verlorene Frau“ nannte.

Lisa verspuerte bis heute dieses seltsame Gefuehl: Ploetzlich war keine Luft mehr da zum Atmen und im Magen lag eine Kugel aus Eisen.

Es war keine Eifersucht, aber ein Gefuehl von Verlassensein in der Welt.

Lisa wollte zunaechst diesen aus dem Nichts gekommenen ‚Bruder’ ueberhaupt nicht sehen. Er war neun Jahre juenger als sie und hiess immer ‚der Kleine’. Er war huebsch wie ein Engel. Lisa hoerte oft von der Grossmutter: “Schade, dass Du Deiner Mutter nicht aehnlich siehst, Du haettest es im Leben wesentlich leichter, wenn du ein bisschen schoener waerst…“

Lisas Vater war hellblond und hatte blaue Augen. Die Mutter dagegen war dunkelhaarig und schwarzaeugig wie eine Italienerin in altrussischen Gemaelden.

Lisa hatte Strohhaare und braune Augen und glaubte wirklich, dass sie nicht huebsch sei.

‚Der schwarze Boris’ in der kalten, fremden Stadt Leningrad wollte, dass auch Lisa bei ihnen lebt.

Vera und der neue Sohn sahen wirklich wie Mutter und Kind aus. Vera trug einen neuen Nachnamen, den von Boris, und alle drei bildeten eine kleine vollstaendige Familie.

Am Tag, an dem Lisa dies erkannte, wurde ihr erst bewusst, dass ihr Vater wirklich gestorben war.

Seinen Familiennamen trug sie weiter, alleine und stolz, auch als sie schon fuenf Jahre verheiratet war mit einem Studenten ihres Jahrgangs. Er studierte ebenfalls Linguistik an der Moskauer Universitaet.

Bald, demnächst in diesem Fruehling, ging fuer beide das Studium zu Ende. Im Sommer, bis zum ersten September wird es noch Stipendium geben. Aber danach? Das junge Philologenpaar wusste nicht, wovon es leben sollte, denn zunaechst gab es fuer beide keine Arbeitsangebote.

Lisa war daher froh, noch keine Kinder zu haben.

Es blieben nur Traeume als Trost. Und Lisa traeumte, wie gern sie im 19. Jahrhundert, geboren etwa um 1860, in Moskau gelebt haette, um dann zur Zeit der „Grossen Sozialistischen Oktoberrevolution“ 1917 von den „Roten“ erschossen zu werden, kurz und buendig!

Es klingelte im Korridor, die Nachbarn oeffneten, und kurz danach klopfte es leise an Grossmutters Tuer.

„Ja, ja, bitte herein“, antwortete Ba sofort mit ihrer gut modullierten „Buehnenstimme“ (sie war einst eine gute Saengerin) – ganz unerwartet von solch einer alten, zarten Frau.

Ein gutgekleideter, sympathischer Mann im mittleren Alter trat ein.

– “Guten Abend, Frau Nikolski, da bin ich wieder“.

In einer Hand hielt der Unbekannte seinen Hut, mit der anderen reichte er der Grossmutter drei riesengrosse und hellblaue Rosen.

Sie nahm den wunderschoenen Strauss wortlos entgegen, nickte und gab ihn an Lisa weiter. – „Vera, sei so nett, nimm erst dem Herrn den Hut ab und bringe dann bitte meine blaue hohe Vase, – danke, sie passt wunderbar zu den Blumen.

Und Sie, Sie duerfen Platz nehmen, ja hier, daneben, und sagen Sie bitte nochmals, wie ist Ihr Name?“

Der Mann gab Lisa seinen Hut und starrte sie einige Sekunden wortlos an.

Dann sagte er irgendwie vor sich hin: „Wirklich, Vera! Junge Vera. Heissen Sie auch so?“

“Vera ist gestorben“ antwortete Lisa.

„Wann?!“ rief hastig und erschreckt der Unbekannte – fast gleichzeitig mit der Grossmutter, die schrie: „Ich verbiete Dir, so etwas Dummes zu sagen, Lisa! Hast du vergessen, dass Vera jetzt in Leningrad ist?“

“Vor drei Jahren“ – Lisa bemerkte wie der Besucher blass wurde.

„Ich bin zu spaet gekommen“, – er stoehnte beinahe.

„Es ist wirklich schon spaet, meine Kinder. Ich moechte jetzt schlafen. Vera, der junge Mann begleitet Dich bis zur Strassenbahnhaltestelle, nicht wahr?“

“Gute Nacht, Ba. Ich komme morgen Nachmittag wieder.“

“Gute Nacht und alles Gute, Frau Nikolski. Ich bringe Vera nach Hause.“

Die beiden gingen langsam durch die Allee der Gruenanlage.

Der Unbekannte sprach wenig. Lisa aber konnte es nicht, mit ihm wortlos zu sein. Und er hoehrte sehr aufmerksam zu. Sie hat von diesem Mann sehr wenig Vorstellung gehabt, doch sie spuehrte innerlich, dass er ein sehr guter Mensch sei.

Manchmal blieb er stehen und sah dann lange und ununterbrochen Lisa an.

Sie gingen weiter, und Lisa fuhr fort, ihm alles ueber ihr Leben in der langen, endlosen Einsamkeit zu erzaehlen. Sie wusste nicht, wie er eigentlich hiess – wenn auch nicht Serge von Frankreich…- und ob er sie ueberhaupt verstand.

Aber das war nicht wichtig.

Wichtig fuer Lisa war jetzt ein Gefuehl: Zum ersten Mal fühlte sie sich beruhigt, es war ihr so gut, sogar lustig zumute, in dieser herrlichen Sommernacht, in ihrer alten Lieblingsstadt.

Allmaehlich begriff Lisa, dass sie jetzt Vera war, dass sie fuer diesen fremden Mann sein Leben lang Vera bleiben wuerde – wie auch fuer ihre Grossmutter.

Erst in diesem Augenblick verstand sie, dass ihre Existenz unvorstellbar leer und eintoenig waere ohne Vera’s Schoenheit. Diese sollte nie verschwinden.
Sie ist auch nicht verschwunden.

Der Unbekannte sagte zum Abschied: „Es war nicht mein Fehler, dass ich in ewiger Angst vor Deiner Schoenheit alle diese Jahre umsonst zugebracht habe.

So unnahbar warst du damals.“

Er schuettelte den Kopf und fuegte mit sichtbarer Muehe hinzu: “Ich lasse dich nicht mehr allein, Lisa.“

ENDE

Autor: Ludmilla Nikolaevna MATVEEVA, Moskau, Tel. (+7-495) 102 32 69
Im Februar 2007

Добавить комментарий

Этот сайт использует Akismet для борьбы со спамом. Узнайте как обрабатываются ваши данные комментариев.

V E R A

Die Strassenbahn war fast leer. Es war ein Spaetsommerabend am Samstag. Im Zentrum Moskaus, in der „Alten Stadt“, blieben nur diejenigen, die keine Moeglichkeit hatten, ins Gruene zu fahren.

Viele Leute bummelten durch die Gruenanlagen des Boulevardrings innerhalb der uralten Ringstrassenbahnlinie „A“, im Staub der nicht mehr saftig gruenen Alleen seltener Baeume, welche nur wenig Frische ins Leben brachten.

Die junge blonde Dame im hellen Kostuem sass alleine am Fenster auf der vorletzten Bank und sah ohne Interesse auf die ihr schon von Kindheit an bekannten alten, schmutzigen, schon lange nicht mehr renovierten Haeuser, welche entweder grau oder dunkelgelb waren, also nicht mehr in den Originalfarben der Zeiten, als sie noch ihren Hausbesitzern gehoerten, die sie liebevoll in Barock, Klassik oder Jugendstil erbauen liessen.

Alles gehoerte schon unheimlich lange, laenger als ein Menschenleben dauern kann, „allen“, das heisst konkret eigentlich niemandem, ausser der frisch zerfallenen Staatsmacht der Kommunisten. Diese ‚ewige Kommune’ brachte mit sich nur ein bitteres Gefuehl von Verlogenheit und Hoffnungslosigkeit.

An der letzten Haltestelle sprang die junge Frau aus der Strassenbahn und ging den Gruenanlagen entlang zurueck zu einem 6-stoeckigen grauen Eckhaus mit imposanter Fassade aus Granitstein, am Eingang sicher bewacht von zwei gefluegelten nackten Gipsgenien.

In diesem Haus hatte die junge Frau von ihrer Geburt an bis zur Heirat gewohnt.

Jetzt lebte dort nur noch ihre Großmutter in einem kleinen Zimmer – früher ‚Dienstmaedchenstube“ genannt – einer Kommunalwohnung, in der sie sich mit 20 Mitbewohnern ein Klo, eine Badewanne und eine Kueche teilen musste.

Die alte „Ba“ war schon lange sehr krank und etwas verwirrt.

„Vera, Verotschka, bist Du es, meine Kleine?“, fragte sanft eine angenehme Stimme aus der Dunkelheit des Zimmers mit den hohen zugezogenen Samtvorhaengen.

Die leise Stimme klang von der rechten Wandecke her.

Dort stand eine verschlissene Couch in der vergessenen, doch bis heute noch wunderschoenen Lotusform der oesterreichischen Sezession.

Darauf lag ein kleiner kaum sichtbarer Koerper.

„Ja, Babuschka“, antwortete sanft die junge Frau, die eigentlich Lisa hiess.

Vera war ihre schon vor drei Jahren verstorbene Mutter, die einzige Tochter der alten Frau.

Grossmutter machte das Licht einer altmodischen Stehlampe ueber dem Nachttisch an und setzte sich in den Kissen auf.

„Was hast Du heute zum Abendessen mitgebracht? Ich moechte schon seit langem frische Bisquites. Schade, dass Du nicht backen kannst – so wie ich selbst.“

Lisa hatte gekochte Kartoffeln und Gemuesesuppe mitgebracht. Bisquites hatte sie selbst nur als Kind einmal in einem alten Spielfilm gesehen.

– „Ba, wir trinken dann noch Tee mit Apfelkuchen, gut?“

„Na, gut so. Und danach wirst Du mir ein Weilchen vorlesen. Der Fernseher ist schon wieder kaputt, ueberhaupt kein Ton mehr, er zeigt nur Streifen oder irgendwelche idiotischen Blasen anstatt normaler Gesichter“.

„Gut, Oma, jetzt bitte noch ein Loeffelchen. Dein Fernseher ist doch in Ordnung.“

„Das sagst Du! In Ordnung. Ich sehe hier ueberall keine Ordnung mehr, nein, nein und nochmals nein!“ – Der kleine Loeffel zitterte in der Hand der alten Frau.

Die Tassen, Untertassen und Kuchenteller der Grossmutter waren aus wunderschoenem Porzellan mit dem Zarenwappen auf der Unterseite, oft aber mit kleinen Rissen und manchmal auch mit beschaedigtem Rand.

Lisa war nachdenklich, die Grossmutter bemerkte es jedoch nicht.

– „Heute hatte ich Besuch. Ein junger Mann kam zu mir und fragte, ob Vera hier wohnt. Ich sagte ihm, Du kommst gegen Abend. Er wird uns wohl nochmals besuchen. Dann frag ihn bitte, Verotschka, ob er Serge heisst.

Dir, Vera, ist ja bekannt: wir mit Deinem Vater hatten unsere Flitterwochen im Oktober 1917 in Paris verbracht. Dort, im Hotel Imperial, welches ganz besonders schoen fuer frischverheiratete Ehepaare war, haben wir beim Fruehstueck eine junge Familie mit ihrem neugeborenen Sohn kennengelernt. Das Baby hiess Serge.

Er muesste dann jetzt etwa zehn Jahre aelter sein als Du, Vera.

Die Eltern des kleinen Serge waren Russen, doch damals, nach dem Umsturz der Zarenmacht, blieb diese Familie in Frankreich.

Wir konnten es nicht. Nach unseren unvergesslichen Flitterwochen fuhren wir sofort zurueck nach Russland. Dort, in Sankt Petersburg, war mein Gatte, dein Vater, Mitglied des Kommitees der russischen Offiziere. Er war spaeter in der Weissen Armee… “

“Ja, ja, meine Liebe, ich weiss.“-
Lisa hoerte diese Geschichte nicht zum ersten Mal.

Das Schicksaal ihres Grossvaters war tragisch und nicht typisch. Er war Anfang
20-er erst in Gefangenschaft bei den Roten – und wurde nicht erschossen.

Sein Schulkamerad war der rote Kommandeur, er hatte ihn damals als „ eine sehr nuetzliche, hochausgebildete Kriegstaktikkraft“ vor den Rotarmisten geschildert und dadurch gerettet. Der Grossvater wurde freigelassen und fuhr zu seiner Frau nach Moskau, wo sie immer eine eigene Familienwohnung hatte. Doch diese Moskauer Wohnung gehoerte schon laengst nicht mehr der Familie der Ehefrau, sondern der Sowjetmacht. Deswegen wohnten dort noch zehn ganz fremde Leute, welche man Proletariat nannte.

Dazu noch durfte Lisas Opa nach seiner Befreiung nicht mehr in der Hauptstadt der „jungen Sowjetrepublik“ – Moskau – wohnen oder arbeiten.

Und dann hatten sie mit Ba die Stadt des Grossen Peter zum Wohnort ausgewaehlt. Dort unterrichtete Lisas Grossvater „Theorie der Kriegskunst“ an der Militaerakademie.

In Moskau starb „der Genosse Lenin“, zwar im Januar 1924. Deswegen hat man die zweite russische Hauptstadt Sankt Petersburg sofort umbenannt in Leningrad – Stadt von Lenin.

(Die Stadt trug diesen Namen bis Anfang 90-er, doch viele Russen nannten sie damals immer kurz und buendig „Piter“. Im Jahre 1992 wurde Leningrad zu Sankt Petersburg wiederbenannt.)

In Leningrad kam Ende 1927 die kleine Tochter Vera zur Welt. Und die Familie war gluecklich.

Als Vera 7 Jahre alt war, wurde ihr Vater verhaftet wegen Verdacht der Verschwoerung gegen die Sowjetmacht. Und Veras Vater starb im Gefaengnis nach einem Herzinfarkt.

Wenige Tage nach seinem Tod kamen die Genossen „Tovaristschi’s“ zu seiner Frau und Tochter mit einem offiziellen Papier: der Tote war unschuldig, und seine Famile durfte wieder in Moskau leben, in der verlassenen Wohnung, in einem kleinen Zimmer, zu zweit: Mutter mit Tochter Vera.

Die beiden siedelten sofort nach Moskau um. Dort stand ihnen noch bevor, einen schrecklichen Weltkrieg zu ueberleben.

Anfang 50-er hat Vera einen jungen Mann geheiratet, und danach wurde die kleine Tochter Lisa geboren

Einmal, als Lisa noch ein kleines Maedchen war, sagten Nachbarn in der Kueche, dass „die alte Wirtin“ so stark regimefern sei, dass sie zur Hochzeit ihrer Tochter Vera sogar Besuch aus dem Ausland erhalten hatte. Ein schoener junger Franzoese kam dienstlich nach Moskau und war oft zu Gast bei den beiden Frauen.

Doch wer ist dieser unbekannte „junge Mann“ von heute?

Lisa wurde unruhig. Wer koennte es sein, wenn er glaubt, dass die Mutter noch lebt und hier, in ihrem alten Moskauer Haus, wohnt?

Lisas Vater war auch Offizier gewesen, jedoch in der Sowjetarmee. Er war Militaerbau-Ingenieur, und nach Ironie des Schicksals stammte er aus Leningrad, oder – einfacher – aus Piter.

Er starb aber frueh an Lungenentzuendung beim Tag – und Nachtbau einer Betonbruecke, welche im Sumpf von Leningrad unter grossem Zeitdruck „zum Tag der Novemberrevolution“ errichtet wurde.

Lisa war damals noch sehr klein und wohnte hier in Moskau bei der Grossmutter.

Ihre Mutter Vera kam sehr selten zu Besuch, „zu Gast“, meinte Oma.

Sogar nach dem Tode ihres Ehemanns blieb Vera alleine in Leningrad.

Die sehr schoene Vera war fuer ihre kleine Tochter wie eine Maerchenfee.

Wenn Mutter Vera in Moskau war, sass sie oft gerne vor dem grossen Pfeilerspiegel (Oma nannte ihn Trumeau) und puderte sich aus einer alten silbernen Puderdose von Ba. Daneben auf einem massiven Marmoraschenbecher lag die Zigarette, in deren Rauch Vera mit ihren dunklen Locken und im Chiffonkleid mit feinen Seidenblumenstraeusschen am Saum wie eine junge Zarin wirkte.

„Mama, Du Liebe“, dachte Lisa jetzt, „wo bist du mit deiner Schoenheit, mit deinem Laecheln, mit deinem zarten sorglosen Wesen in unserem Gefaengnisleben?“

Vera starb ploetzlich und unerwartet an Diabeteskoma, das nach Vermutung der Aerzte daher ruehrte, dass sie in ihrer Jugend sehr viel hungern musste. Niemand wusste, dass Vera so krank war. Sie war immer lustig und sprach ihr Leben lang nie ueber ihr eigenes Leiden.

„Voegelchen“, sagte die Grossmutter oft zu sich selbst, „ueberliess die Kleine der Grossmutter und flog davon!“

Lisa mochte es nicht, wenn die alte Frau allen Nachbarn von dem „armen vaterlosen Kind“, einer Waisen – obwohl die Mutter noch lebte – erzaehlte.

Ba besuchte die Mutter jedes Jahr in Leningrad und nahm Lisa mit.

Lisa dachte, in dieser Stadt von klassischer Schoenheit ist es sehr schwer zu leben. Dazu regnet es doch zu oft. Das Schoenste an Leningrad war nicht der Winterpalast mit der Eremitage, sondern die Ostsee mit dem kleinen Schloesschen „Mon Plaisir“ des Grossen Peters am Strand.

Moskau liebte Lisa mit dem Herzen, wie ihr Eigentum.

Leningrad dagegen bewunderte sie, aber nur mit dem Verstand.

In Leningrad wohnte die Mutter nicht mehr alleine in ihrer kleinen Einzimmer-
wohnung.

Es gab dort bereits einen fremden Mann, Boris. Das Unangenehmste war jedoch sein Sohn, der mit dem Vater zusammenblieb, da man seine Mutter „eine verlorene Frau“ nannte.

Lisa verspuerte bis heute dieses seltsame Gefuehl: Ploetzlich war keine Luft mehr da zum Atmen und im Magen lag eine Kugel aus Eisen.

Es war keine Eifersucht, aber ein Gefuehl von Verlassensein in der Welt.

Lisa wollte zunaechst diesen aus dem Nichts gekommenen ‚Bruder’ ueberhaupt nicht sehen. Er war neun Jahre juenger als sie und hiess immer ‚der Kleine’. Er war huebsch wie ein Engel. Lisa hoerte oft von der Grossmutter: “Schade, dass Du Deiner Mutter nicht aehnlich siehst, Du haettest es im Leben wesentlich leichter, wenn du ein bisschen schoener waerst…“

Lisas Vater war hellblond und hatte blaue Augen. Die Mutter dagegen war dunkelhaarig und schwarzaeugig wie eine Italienerin in altrussischen Gemaelden.

Lisa hatte Strohhaare und braune Augen und glaubte wirklich, dass sie nicht huebsch sei.

‚Der schwarze Boris’ in der kalten, fremden Stadt Leningrad wollte, dass auch Lisa bei ihnen lebt.

Vera und der neue Sohn sahen wirklich wie Mutter und Kind aus. Vera trug einen neuen Nachnamen, den von Boris, und alle drei bildeten eine kleine vollstaendige Familie.

Am Tag, an dem Lisa dies erkannte, wurde ihr erst bewusst, dass ihr Vater wirklich gestorben war.

Seinen Familiennamen trug sie weiter, alleine und stolz, auch als sie schon fuenf Jahre verheiratet war mit einem Studenten ihres Jahrgangs. Er studierte ebenfalls Linguistik an der Moskauer Universitaet.

Bald, demnächst in diesem Fruehling, ging fuer beide das Studium zu Ende. Im Sommer, bis zum ersten September wird es noch Stipendium geben. Aber danach? Das junge Philologenpaar wusste nicht, wovon es leben sollte, denn zunaechst gab es fuer beide keine Arbeitsangebote.

Lisa war daher froh, noch keine Kinder zu haben.

Es blieben nur Traeume als Trost. Und Lisa traeumte, wie gern sie im 19. Jahrhundert, geboren etwa um 1860, in Moskau gelebt haette, um dann zur Zeit der „Grossen Sozialistischen Oktoberrevolution“ 1917 von den „Roten“ erschossen zu werden, kurz und buendig!

Es klingelte im Korridor, die Nachbarn oeffneten, und kurz danach klopfte es leise an Grossmutters Tuer.

„Ja, ja, bitte herein“, antwortete Ba sofort mit ihrer gut modullierten „Buehnenstimme“ (sie war einst eine gute Saengerin) – ganz unerwartet von solch einer alten, zarten Frau.

Ein gutgekleideter, sympathischer Mann im mittleren Alter trat ein.

– “Guten Abend, Frau Nikolski, da bin ich wieder“.

In einer Hand hielt der Unbekannte seinen Hut, mit der anderen reichte er der Grossmutter drei riesengrosse und hellblaue Rosen.

Sie nahm den wunderschoenen Strauss wortlos entgegen, nickte und gab ihn an Lisa weiter. – „Vera, sei so nett, nimm erst dem Herrn den Hut ab und bringe dann bitte meine blaue hohe Vase, – danke, sie passt wunderbar zu den Blumen.

Und Sie, Sie duerfen Platz nehmen, ja hier, daneben, und sagen Sie bitte nochmals, wie ist Ihr Name?“

Der Mann gab Lisa seinen Hut und starrte sie einige Sekunden wortlos an.

Dann sagte er irgendwie vor sich hin: „Wirklich, Vera! Junge Vera. Heissen Sie auch so?“

“Vera ist gestorben“ antwortete Lisa.

„Wann?!“ rief hastig und erschreckt der Unbekannte – fast gleichzeitig mit der Grossmutter, die schrie: „Ich verbiete Dir, so etwas Dummes zu sagen, Lisa! Hast du vergessen, dass Vera jetzt in Leningrad ist?“

“Vor drei Jahren“ – Lisa bemerkte wie der Besucher blass wurde.

„Ich bin zu spaet gekommen“, – er stoehnte beinahe.

„Es ist wirklich schon spaet, meine Kinder. Ich moechte jetzt schlafen. Vera, der junge Mann begleitet Dich bis zur Strassenbahnhaltestelle, nicht wahr?“

“Gute Nacht, Ba. Ich komme morgen Nachmittag wieder.“

“Gute Nacht und alles Gute, Frau Nikolski. Ich bringe Vera nach Hause.“

Die beiden gingen langsam durch die Allee der Gruenanlage.

Der Unbekannte sprach wenig. Lisa aber konnte es nicht, mit ihm wortlos zu sein. Und er hoehrte sehr aufmerksam zu. Sie hat von diesem Mann sehr wenig Vorstellung gehabt, doch sie spuehrte innerlich, dass er ein sehr guter Mensch sei.

Manchmal blieb er stehen und sah dann lange und ununterbrochen Lisa an.

Sie gingen weiter, und Lisa fuhr fort, ihm alles ueber ihr Leben in der langen, endlosen Einsamkeit zu erzaehlen. Sie wusste nicht, wie er eigentlich hiess – wenn auch nicht Serge von Frankreich…- und ob er sie ueberhaupt verstand.

Aber das war nicht wichtig.

Wichtig fuer Lisa war jetzt ein Gefuehl: Zum ersten Mal fühlte sie sich beruhigt, es war ihr so gut, sogar lustig zumute, in dieser herrlichen Sommernacht, in ihrer alten Lieblingsstadt.

Allmaehlich begriff Lisa, dass sie jetzt Vera war, dass sie fuer diesen fremden Mann sein Leben lang Vera bleiben wuerde – wie auch fuer ihre Grossmutter.

Erst in diesem Augenblick verstand sie, dass ihre Existenz unvorstellbar leer und eintoenig waere ohne Vera’s Schoenheit. Diese sollte nie verschwinden.
Sie ist auch nicht verschwunden.

Der Unbekannte sagte zum Abschied: „Es war nicht mein Fehler, dass ich in ewiger Angst vor Deiner Schoenheit alle diese Jahre umsonst zugebracht habe.

So unnahbar warst du damals.“

Er schuettelte den Kopf und fuegte mit sichtbarer Muehe hinzu: “Ich lasse dich nicht mehr allein, Lisa.“

ENDE

Autor: Ludmilla Nikolaevna MATVEEVA, Moskau, Tel. (+7-495) 102 32 69
Im Februar 2007

Добавить комментарий

Этот сайт использует Akismet для борьбы со спамом. Узнайте как обрабатываются ваши данные комментариев.